Das Experteninterview als Forschungsmethode – Ein Überblick

Das Experteninterview als Forschungsmethode – Ein Überblick

Ein bisschen Fragenstellen hier, etwas notieren dort und zum Schluss ein paar Aussagen in die Arbeit schreiben. Das wars.

Weit gefehlt!

Ein Experteninterview ist sehr anspruchsvoll und folgt als wissenschaftliche Methode sowohl in der Vorbereitung, Durchführung und Analyse Regularien, die vorher festgelegt und begründet werden müssen.

Nachlässig durchgeführte Methoden können dir die Bewertung deiner Arbeit ruinieren – im schlimmsten Fall fällst du durch.

Nach unzähligen Korrekturen von Seminar- und Abschlussarbeiten kann ich sagen: Um die Methode Experteninterview ranken sich viele Halbwahrheiten und Missverständnisse.

3 große Missverständnisse

1. Ein Interview ist eine nette Plauderei mit Freunden

Sätze wie „Dann interviewe ich mal eben meine Schwester“ habe ich ziemlich oft gehört. Wahlweise möchte man auch den Onkel oder Freunde interviewen.

Die Befragung von Freunden und Familie solltest du jedoch unbedingt vermeiden, außer du forscht zu Kommunikationsmustern unter deinen eigenen Verwandten.

Eine Befragung deiner Eltern, Geschwister, Oma, Opa oder besten Freunden und so weiter scheint einfach und naheliegend, wenn sie tatsächlich über (Experten-)Fachwissen verfügen (siehe Abschnitt Wer ist Experte?). Eine Befragung ist aber aus unterschiedlichen Gründen trotzdem nicht ratsam, da mit dir als Person (und andersrum) eine ganz bestimmte Rolle und damit auch Erwartungen verknüpft sind. Die Gefahr ist groß, dass aufgrund des Beziehungsverhältnisses die nötige Objektivität nicht gegeben ist und sozial gewünschte Antworten gegeben werden.

2. Ein paar Minuten Interview sind ausreichend

Was meinst du, hast du in ein paar Minuten an Informationen herausbekommen?

Interviewformen wie das Experteninterview haben zum Ziel, die Erfahrungsschätze, Meinungen und Ansichten der Befragten herauszubekommen. Dabei werden sie durch Frageanreize zum Reden animiert und sollen umfassend ausholen.

Mit ein paar Minuten wirst du nicht auskommen (es sei denn, der Befragte redet tatsächlich wenig.)

3. Das mache ich mit links!

Wirklich?

Leitfadenerstellung, die Anfrage, Terminierung und Koordination der Interviews, technische Ausstattung, Durchführung, Transkription und Auswertung – das alles möchte gut durchdacht sein, um am Ende auch verwertbare Ergebnisse zu bekommen.

Plane lieber etwas mehr Zeit dafür ein.

Experteninterview 2

Warum (Experten-)Interviews führen?

Für deine wissenschaftliche Arbeit möchtest du empirisch forschen. Wenn du in die qualitative Forschungsrichtung gehst, wirst du dich qualitativer Forschungsmethoden bedienen. Und wenn du Menschen als Forschungsgegenstand hast, kannst du qualitative Interviews führen. Eine Möglichkeit von vielen Interviewformen ist das Experteninterview.

Das Experteninterview wiederum ist eine Variante des Leitfadeninterviews, es ist in der Regel ein Leitfadeninterview mit offenen Fragen. Man nennt das Experteninterview deshalb auch oft nur Leitfadeninterview oder leitfadengestütztes Experteninterview.

Experteninterview 4

Im Allgemeinen eignen sich Interviews gut bei Themen, zu denen wenig Vorwissen vorhanden ist. Da bietet es sich an, Beteiligte, Zeitzeugen oder Experten zu Wort kommen zu lassen, um aus ihren Erzählungen Wissen zu generieren. Menschen können mit ihrem Wissen über ein Thema Informationen und Hintergründe liefern, die in keinem Buch auffindbar sind. Gleichzeitig können sie ihre Meinungen, Bewertungen sowie Empfindungen kundtun.

In einem Interview erfährst du nicht nur, wie Interviewteilnehmer bestimmte Themen sehen und bewerten, sondern darüber hinaus wahrscheinlich auch, wie die Personen zu ihren Bewertungen kommen und welche Aspekte für die Befragten damit verbunden und bedeutsam sind. Interviewdaten liefern also nicht nur Antworten darauf, was ein Interviewpartner sagt, sondern auch, warum und wie er seine Motive, Annahmen und Argumentationsmuster ausdrückt.

Wer ist Experte?

In der Literatur findet sich keine allgemeingültige Definition, wer als Experte gilt oder nicht. Einigkeit besteht nur darin, dass die Definition jeweils von der Forschungsfrage und dem Handlungsfeld abhängt.

Ich halte mich bei meinen Ausführungen gerne an Folgendes:

Ein Experte verfügt über eine besondere Expertise und damit verbundenes Sonderwissen, das nicht alltäglich, also jedem auf der Straße bekannt ist. Er verfügt zudem über Wissen, dass man nicht einfach mal eben in der Literatur finden kann und welches an seinen Beruf beziehungsweise an seine berufliche Rolle gebunden ist. Experte ist somit, wer über ein spezielles Fach-, Praxis- und Handlungswissen verfügt.

Die Expertenauswahl richtet sich dabei immer nach dem Forschungsinteresse. Das heißt, du suchst dir Experten, die deiner Meinung nach Wissen zu deinem Thema beisteuern können. Den Experten befragst du also aufgrund seines speziellen Status und nicht als Privatperson.

Experteninterview 3

Leitfaden, Transkription & Auswertung

Neben den Experten gehören der Leitfaden, die Transkription und die Auswertung zu der wissenschaftlichen Methode.

Den Leitfaden brauchst du als Basis für deine Interviews. Mit ihm stellst du sicher, dass du alle forschungsrelevanten Themen ansprichst und deine Interviewergebnisse vergleichen kannst. Mit ihm übersetzt du quasi deine Forschungsfragen in ein Interview. Der Leitfaden ist in der Gestaltung so offen und flexibel wie möglich, aber gleichzeitig so strukturiert wie nötig. Das klingt erst mal ganz einfach, doch für die Entwicklung deines Leitfadens solltest du dir ausreichend Zeit nehmen, damit du auch wirklich eine Antwort auf die Fragen bekommst, die du erforschen willst.

Um die Interviews aufnehmen zu können, benötigst du ein Aufnahmegerät. Nach dem Interview verschriftlichst (transkribierst) du die Aufnahme, um sie anschließend analysieren zu können. Der Vorgang des Transkribierens kostet gerade am Anfang und wenn man unerfahren ist, einiges an Zeit, was du für deine Zeitplanung ebenfalls berücksichtigen solltest.

Für die Analyse von Experteninterviews wiederum eignen sich eine Reihe von unterschiedlichen Auswertungsverfahren, wahrscheinlich hast du schon mal etwas von der Auswertung nach Mayring, Kuckartz oder Meuser und Nagel gehört. Diese Verfahren lassen sich unter dem Begriff der qualitativen Inhaltsanalyse zusammenfassen.

Von der qualitativen Inhaltsanalyse gibt es eine erhebliche Anzahl von Varianten, wobei sich im deutschsprachigen Raum die von Philipp Mayring entwickelte Form am stärksten etabliert hat. Welche Auswertungsmethode du letztendlich für deine Experteninterviews anwenden willst, richtet sich nach einem Forschungsinteresse.

Experteninterview 1

Die Methode ist ein Bewertungskriterium

Sei dir bewusst, dass der Methodenteil deiner Arbeit immer bewertet wird, und zwar unabhängig von deiner gewählten Methode.

Dabei schaut der Betreuer, ob die Methodenwahl zu der Problemstellung passt, ob die Methodenanwendung nachvollziehbar ist und zu guter Letzt, wie die Ergebnisse interpretiert werden. Wenn du deine gewählte Methode, in diesem Fall das Experteninterview, nicht ausreichend begründest und im Methodenteil unsauber arbeitest, dann ist die Chance hoch, dass dieser schlecht oder als ungenügend bewertet wird.

Immer wenn ich zu qualitativen Forschungsmethoden unterrichtet habe, habe ich für die begleitenden Seminararbeiten das Experteninterview als Methode vorgegeben. Zusätzlich gab es noch Anforderungen an den Anhang, der mit eingereicht werden sollte. Für die Benotung schaute ich dann die Arbeiten inklusive aller geforderten Anhänge durch, um das Vorgehen nachvollziehen zu können.

In der Zeit habe ich einige schlecht durchdachte Arbeiten gelesen, bei einer rief vor allem das Interview Fragezeichen auf:

  • Das Interview dauerte knapp 5 Minuten.
  • Es wurden zwar viele Fragen gestellt, die waren jedoch nicht erzählungsanregend.
  • Und in der Überzahl mit Ja oder Nein beantwortbar oder suggestiv.
  • Die Antworten des Interviewten fielen so kurz aus, dass daraus keine Erkenntnisse gezogen werden konnten.

Leider war der Arbeit nur die Transkription, aber kein Leitfaden und keine Auswertung beigefügt und somit in der Durchführung nicht nachvollziehbar. Der komplette Methodenteil war insgesamt mangelhaft, die Arbeit konnte ich nur als nicht bestanden bewerten.

Für deine Arbeit rat ich dir, die genannten Punkte im Blogartikel sorgfältig vorzubereiten, dich mit deinem Betreuer abzusprechen und die geforderten Anhänge einzureichen.

(Weitere Bewertungskriterien für eine wissenschaftliche Arbeit kannst du übrigens hier nachlesen.)

Falls du Experteninterviews für deine Arbeit in Erwägung ziehst, wünsche ich dir viel Erfolg und Freude bei der Durchführung!

Herzliche Grüße
Sandra


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