Gut gefragt ist halb geantwortet – Der Leitfaden für Experteninterviews

Gut gefragt ist halb geantwortet – Der Leitfaden für Experteninterviews

Leitfadengestützte Experteninterviews sind eine beliebte Forschungsmethode.

Sie eignen sich, wenn du tiefere Einblicke in komplexe Zusammenhänge gewinnen möchtest, die in der Literatur nur unzureichend beschrieben sind. Wenn du sie korrekt anwendest, liefern sie dir jede Menge Daten, um eine Antwort auf deine Forschungsfrage zu bekommen.

Wenn du also in der qualitativen Richtung forschst, wirst du wahrscheinlich früher oder später über die Durchführung von Experteninterviews in deiner Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit nachdenken. Vielleicht schlägt dir aber auch dein Betreuer die Methode vor oder du musst sie im Rahmen eines Seminares durchführen.

Und um den Leitfaden für Experteninterviews geht es in diesem Blogartikel.

Denn egal wie du zu der Methode kommst, die Erstellung eines Leitfadens ist dann Pflicht.

Der Leitfaden ist die Basis für deine Experteninterviews

Ein gut entwickelter Leitfaden spiegelt immer deinen theoretischen Rahmen wider. 

Mit ihm stellst du sicher, dass du alle forschungsrelevanten Themen ansprichst und deine Interviewergebnisse vergleichen kannst. In der Gestaltung ist er so offen und flexibel wie möglich, aber gleichzeitig so strukturiert wie nötig. Das klingt ganz einfach, doch ist der Leitfaden nicht gut vorbereitet und auf deine Forschungsfragen abgestimmt, wirst du keine verwendbaren Aussagen bekommen. Je klarer du deine Konzepte und Begriffe definiert hast, desto präziser kannst du deinen Leitfaden erstellen. Daher solltest du dir für die Entwicklung deines Leitfadens ausreichend Zeit nehmen.

Betrachte den Leitfaden als eine Gedächtnisstütze, an der du dich im Interviewverlauf orientieren kannst. Er sorgt für eine grobe Struktur, an der du dich entlanghangeln kannst. Daher spricht man auch von leitfadengestützten oder teilstrukturierten Interviews. Je nach Interviewverlauf stellst du die Fragen in einer flexiblen Reihenfolge, eventuell sogar gar nicht beziehungsweise es kommen neue hinzu. Die Fragen sind das Bindeglied zwischen deinen theoretischen Vorüberlegungen und dem eigentlichen Interview.

Denk immer daran, dass du ein Gespräch in Gang setzen willst, bei dem dein Interviewpartner gemäß der ergebnisoffenen qualitativen Vorgehensweise frei und selbstständig seine Erfahrungen darstellt.

Trotzdem sehe ich immer wieder in Arbeiten, dass der Leitfaden eher wie ein klassischer Fragebogen genutzt wird. Das erkenne ich sehr gut an dem Transkript, aus dem ersichtlich ist, dass die Fragen stur der Reihenfolge und dem exakten Wortlaut nach gestellt wurden. Bei so einem sturen Abarbeiten hast du keine Chance, flexibel auf die Antworten des Befragten zu reagieren, sie aufzunehmen und mit einer beliebigen Frage anzuknüpfen. So entsteht kein Dialog und der Befragte wird sich sicherlich schnell fragen, ob du ihm richtig zuhörst.

Den Leitfaden erstellst du am besten in einer Word- oder anderen Schreibdatei. Zum Interview nimmst du ihn dann in ausgedruckter Form mit. Dabei dient er dir wie gesagt nicht zum Ablesen, sondern als Gedächtnisstütze.

Wie bei allen Befragungsmethoden ist es ratsam, einen Pretest durchzuführen, um Fehlerquellen wie zum Beispiel unverständliche Formulierungen zu korrigieren. Du bekommst außerdem ein Gefühl dafür, wie lange dein Interview ungefähr dauern wird. Oft unterschätzen Studierende die Zeit, die ein qualitatives Interview in Anspruch nimmt.

Du kannst Kommilitonen oder Personen aus deinem Umfeld fragen. Sie sollten thematisch jedoch nicht völlig fachfremd sein. Durch einen Probelauf erkennst du, ob du zu viele oder zu wenige Fragen hast oder ob bestimmte Themenblöcke zu umfangreich oder zu kurz sind. Die Personen können dir auch rückmelden, ob Formulierungen missverständlich sind. Gleichzeitig kannst du technische Aspekte wie die Aufnahmequalität überprüfen.

leitfaden experteninterviews 1

Die Fragen für den Leitfaden für Experteninterviews

Bevor du dich an das „Fragenfinden“ machst, sei dir bewusst, dass es Fragen gibt, die dein Interview im schlimmsten Fall versemmeln.

Zum Beispiel geschlossene Fragen, bei der dein Interviewpartner nur mit „Ja“ oder „Nein“ antwortet. Dein Ziel ist es ja, möglichst viele Informationen von deinen Interviewpartnern zu bekommen. Mit geschlossenen Fragen erreichst du das nicht. Deine Fragen sollen folglich zum Reden anregen und das Gespräch in Gang halten. 

Daher prüfe beim Formulieren der Fragen immer wieder, ob sie wirklich offen genug sind. Merke dir: Wenn du die Frage selbst in einem Satz beantworten könntest, ist sie vermutlich zu eng. Bei Experteninterviews ist es wichtig, dass die Befragten ausführlich über ihre Expertise erzählen können. Das gelingt mit sogenannten „Erzählaufforderungen“ wie zum Beispiel „Können Sie mir schildern, wie…?“ oder „Wie sind Sie damals vorgegangen, als…?“ Diese Formulierungen signalisieren deinem Interviewpartner, dass du an Prozessen, Erfahrungen und Einschätzungen interessiert bist und nicht an knappen Fakten.

Gleichzeitig solltest du deine Interviewpartner nicht mit komplizierten Fragen verwirren. Im Sinne der wissenschaftlichen Neutralität achte auch darauf, in deine Fragen keine Wertungen oder Anspielungen einzubringen.

Bei vielen Autoren, die sich mit dem Experteninterview beschäftigen, findest du Auflistungen zu wichtigen Punkten für die Fragenformulierung, quasi eine Do and Don‘t-Liste. Eine gute Zusammenstellung gibt es auf der Website des Methodenzentrums der Ruhr-Universität Bochum.

Für die anschließende Fragensammlung und Leitfadenerstellung eignet sich die SPSS Methode nach Helfferich* sehr gut (damit ist nicht das Statistikprogramm SPSS gemeint). Die SPSS Methode setzt sich aus den Buchstaben S wie Sammeln, P wie Prüfen, S wie Sortieren und S wie Subsumieren zusammen. Die Phasen müssen nicht streng hintereinander ablaufen, sondern können auch ineinandergreifen.

S-AMMELN von Fragen: Im ersten Schritt sammelst du alle Fragen, die für die Bearbeitung deines Themas interessant erscheinen. Achte dabei nicht darauf, ob du die Fragen so später für den Leitfaden nutzen kannst oder nicht. Hilfreich ist, dich auf deine Forschungsfrage zu besinnen und dich zu fragen „Was möchte ich eigentlich wissen?“ oder „Was interessiert mich?“

P-RÜFEN: Im zweiten Schritt überprüfst du die Fragen nach den Do and Don’t-Kriterien. Du kannst Fragen natürlich auch umformulieren, damit sie den Kriterien entsprechen. Fragen, die nicht geeignet oder doppelt sind, sortierst du aus.

S-ORTIEREN: Im dritten Schritt sortierst du deine Fragen beispielsweise nach inhaltlichen oder chronologischen Punkten. So entstehen Themenblöcke. Die Themenblöcke benennst du danach, worum es bei ihnen geht – etwa „Beruflicher Hintergrund“, „Organisatorische Rahmenbedingungen“ oder „Erfahrungen mit Veränderungsprozessen“. Ein Themenblock sollte mindestens zwei Fragen beinhalten.

S-UBSUMIEREN: Deine geprüften und sortierten Fragen beziehungsweise Themenblöcke ordnest du nun in den Leitfaden ein.

Beim Sortieren zeigt sich, wie gut du dein Forschungsthema wirklich durchdrungen hast. Wenn du Schwierigkeiten hast, sinnvolle Themenblöcke zu bilden, kann das ein Hinweis darauf sein, dass deine Forschungsfrage noch zu breit oder unscharf ist. In diesem Fall gehe noch einmal einen Schritt zurück und schärfe deine theoretischen Grundlagen.

leitfaden experteninterviews 2

So baust du den Leitfaden für Experteninterviews auf

Meine Tipps zum Aufbau:

  • Gestalte den Leitfaden übersichtlich, damit er dich optisch nicht verwirrt
  • Wähle daher eine gut lesbare Schriftart und eine gut lesbare Schriftgröße
  • Verzichte auf zu viel Fett- oder Kursivdruck, Unterstreichungen etc.
  • Mach keine abrupten Sprünge oder Themenwechsel, der Aufbau gleicht einer natürlichen Argumentation – auch wenn sich der spätere Interviewverlauf wahrscheinlich anders entwickelt
  • Folge beim Aufbau dem Prinzip „vom Allgemeinen zum Spezifischen“, „vom Einfachen zum Komplizierten“ oder auch „vom Neutralen zum Sensiblen“

Beim Aufbau des Leitfadens kannst du dich an den vier Phasen eines Interviews orientieren: Informationsphase, Aufwärm- und Einstiegsphase, Hauptphase und Abschlussphase.

Informiere deinen Interviewpartner zu Beginn kurz über dein Forschungsvorhaben und deine Zielsetzung. An den Anfang des Leitfadens stellst du dann eine allgemeine, möglichst offene und breite Frage, um ihm den Einstieg ins Gespräch zu erleichtern und ihn zum Erzählen zu animieren.

In dem Hauptteil des Leitfadens sortierst du jetzt die Themenblöcke, die du dir mit der SPSS Methode erarbeitet hast. Je nach Themenblock können das eine oder mehrere Fragen sein. Am Ende deines Leitfadens kannst du dir noch einzelne Fragen notieren, die in keinen Themenblock reinpassen oder die du nur bestimmten Experten oder je nach Interviewverlauf stellen willst.

An den Schluss des Leitfadens stellst du eine Frage, die es dem Experten erlaubt, für ihn relevante Informationen hinzuzufügen, den Interviewverlauf Revue passieren zu lassen oder zu kommentieren.

leitfaden experteninterviews 3

3 zusätzliche Tipps

  1. Achte auf eindeutige Formulierungen, drück dich klar und verständlich aus
  2. Formuliere keine Mehrfachfragen = immer nur eine Frage stellen, nicht drei Fragen in einem Satz unterbringen
  3. Eine Frage zum Werdegang des Experten erleichtert den Einstieg in das Gespräch

Zum Schluss noch zwei wichtige Anmerkungen

Die Abschlussphase des Experteninterviews solltest du nicht unterschätzen, denn sie kann dir noch wichtige Informationen liefern. Für Experten ist es die Möglichkeit, um noch nicht abgefragte Punkte anzusprechen, die sie für wichtig halten. Diese Ergänzungen können dir Hinweise auf blinde Flecken in deiner eigenen Perspektive geben oder neue Ansatzpunkte für die Auswertung liefern. Eine mögliche Abschlussfrage wäre: „Gibt es aus Ihrer Sicht noch etwas, das wir im Gespräch nicht angesprochen haben, das aber für das Thema wichtig ist?“

Der Leitfaden für Experteninterviews ist kein starres Dokument, sondern ein flexibles Werkzeug. Du wirst während der Interviews merken, welche Fragen gut funktionieren, welche zu oberflächlichen Antworten führen und an welchen Stellen du eventuell nachbessern musst. Es ist daher normal, den Leitfaden im Forschungsprozess weiterzuentwickeln. Notiere dir nach jedem Gespräch, welche Fragen gut liefen, wo du ins Stocken geraten bist und welche spontanen Nachfragen weitere Informationen gebracht haben. Diese Notizen helfen dir bei der Optimierung des Leitfadens und später bei der Auswertung, weil du dich besser an die Gesprächssituation erinnerst.


Ich wünsche dir eine erfolgreiche Leitfadenerstellung!

Herzliche Grüße
Sandra




experteninterviews fragen finden

So findest du Fragen für den Leitfaden

Im Mini-Videokurs lernst du

  • Den Unterschied zwischen guten und schlechten Fragen (6:40 min)
  • Eine einfache Methode, um Fragen zu sammeln (4:42 min)
  • An einem Praxis-Beispiel, wie man Fragen findet (8:17 min)


Klick jetzt hier für mehr Infos.




*Helfferich, Cornelia (2010): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. 4. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Die akademische Viertelstunde
Die akademische Viertelstunde ist randvoll mit Informationen, die dir das Schreiben deiner Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit erleichtern.
Du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Deine Einwilligung erfolgt im Rahmen meiner Datenschutzerklärung.
© 2026 Dr. Sandra Laskowski